Krankheitsbilder

Frühzeitig behandeln – Lebensqualität sichern

Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sind mit einer erheblichen Krankheitslast verbunden, fast alle Lebens­be­reiche können be­ein­trächtigt werden. Die Angst vor einem erneuten Schub oder vor lang­fris­tigen Folgen der Erkrankung sowie Scham­ge­fühle können zu einer erheb­lichen Belastung werden. Ursäch­lich heil­bar sind chro­nisch ent­zünd­liche Darm­er­krankungen bis heute nicht, moderne und wirk­same Medi­ka­mente können die Ent­zün­dung jedoch lang­fris­tig kon­trol­lieren. Werden Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa nicht mög­lichst früh­zeitig und konse­quent be­handelt, können sie mit der Zeit zu einer fort­schrei­tenden Schädi­gung des Darms führen.


Anhaltende Entzündung des Darms

Bei Morbus Crohn kann es in allen Bereichen des Verdauungstrakts, vom Mund bis zum After, zu ent­zünd­lichen Ver­än­de­rungen kommen. In den meisten Fällen ist jedoch der Darm­be­reich be­troffen. Die Ent­zündung zeigt sich punk­tuell, krank­haft ver­änderte und gesunde Bereiche wechseln sich ab. An den Ent­zün­dungs­herden sind sämtliche Schichten des Darms be­fallen. Es kann zu Kompli­ka­tionen wie Eiter­ein­schlüssen (Abszessen) oder ent­zünd­lichen Gängen, die sich bis in das benach­barte Gewebe graben (Fisteln), kommen. Bei Colitis ulcerosa ist die Ent­zün­dung aus­schließlich auf den Dick­darm begrenzt. Cha­rakte­ris­tisch ist hier­bei eine konti­nuier­liche Ent­zündung, die sich aus­gehend vom End­darm unter­schied­lich weit im Dick­darm aus­breitet. Vom ent­zünd­lichen Prozess ist nur die Darm­schleim­haut, also die innerste Darm­wand­schicht, be­troffen. Im Ver­lauf der Colitis ulcerosa kommt es zu einem an­stei­genden Darm­krebs­risiko. Neben der Ent­zün­dung des Darms können CED mit einer Reihe von Be­gleit­er­krankungen ein­her­gehen, die auch andere Organe des Körpers betreffen, z. B. Augen, Haut oder Gelenke.


Der Aufstand gegen die „zivilisierten“ Verhältnisse

Der Darm ist die „Zentrale des Immunsystems“, denn er beherbergt rund drei Viertel der mensch­lichen Ab­wehr­zellen. Bis zur Mitte des 20. Jahr­hunderts gab es chro­nisch ent­zünd­liche Darm­er­krankungen so gut wie gar nicht. Die fein aus­tarierten Schutz­mecha­nismen des mensch­lichen Orga­nismus haben den Ver­dau­ungs­trakt des Men­schen über Jahr­hun­derte stets zu­ver­lässig gegen alle An­griffe ge­wapp­net. Das hat sich plötz­lich geändert – ver­knüpft mit der Ver­brei­tung des Lebens­stils in den west­lichen Wohl­stands­gesell­schaften. Er ist geprägt von einem ver­stärk­ten Konsum indus­triell ge­fer­tigter Lebens­mittel, zu­neh­mender Be­lastung durch Um­welt­gifte, ver­mehr­tem Stress und mangelnder Bewegung.


Die genetische Veranlagung

Hinsichtlich der Ursachen von CED spielen auch die Erbanlagen eine wichtige Rolle. Ein Mei­len­stein in der Ent­zün­dungs­forschung ist die Iden­ti­fi­zierung von Krank­heits­genen für die chro­nische Ent­zün­dung des Darms durch Prof. Dr. Stefan Schreiber, Vor­sit­zen­der des Stif­tungs­rats sowie Sprecher des Exzel­lenz­cluster "Ent­zün­dungs­forschung" und Leiter des Genom­ver­bundes "Umwelt­be­dingte Er­krankungen" im Natio­nalen Genom­for­schungs­netz NGFN-PLUS. Aber die erb­liche Ver­an­la­gung allein erklärt die dra­ma­tische Ent­zün­dung des Darms noch nicht. Für das kom­plexe Phä­no­men scheint das Zu­sam­men­wirken von Um­welt und Ge­ne­tik ge­mein­sam ver­ant­wort­lich zu sein.


Wenn das Immunsystem aus dem Gleichgewicht gerät

Die Darmschleimhaut hat eigentlich eine wichtige Schutzfunktion: Sie sorgt dafür, dass Bak­te­rien und Keime nicht vom Darm­inneren in den Blut­kreis­lauf gelangen. Bei Men­schen mit CED ist diese Funk­tion ge­schwächt, es liegt eine so­ge­nannte Barriere­störung vor. Kommen zu dieser gestörten Durch­läs­sig­keit der Schleim­haut­barriere weitere Fak­toren hinzu, z. B. falsche Er­näh­rung, Bewe­gungs­mangel, Umwelt­gifte oder Stress, „kippt der Darm um wie ein Klär­werk und mobi­li­siert sämt­liche Kräfte der Immunabwehr“, so Stiftung­srat Prof. Dr. Stefan Schreiber. Das Er­geb­nis ist eine an­hal­tende Ent­zün­dung, die ohne Thera­pie nicht wieder abklingen kann.

Wichtige neue Erkenntnisse aus der Entzündungsforschung sowie die Ent­wick­lung moderner wirk­samer Thera­pie­op­tionen haben in den letzten Jahren zu wesent­lichen Fort­schrit­ten im Ver­ständ­nis und der Behand­lung chro­nisch ent­zünd­licher Darm­er­krankungen geführt. Doch längst sind nicht alle Fragen zu den Ursachen und Krank­heits­me­cha­nismen von Morbus Crohn und Colitis ulcerosa beant­wortet. Weitere For­schungen sind dringend not­wendig und tragen wesent­lich dazu bei, die Lebens­qualität von Men­schen mit CED lang­fristig zu verbessern.